Erschreckendes Tagesprotokoll einer Justizbediensteten aus Rheinland-Pfalz

Angestellte Frau im Büro benötigt Hilfe um Arbeit zu bewältigen

Die folgende Schilderung eines ganz „normalen“ Arbeitstages bei Gericht, beruht auf einer wahren Begebenheit. Die stv. Bundesvorsitzende Margot Scherer veröffentlichte das Tagesprotoll einer bei Gericht angestellten Justizbediensten in der September-Ausgabe des DJG-Magazins.

7.00 Uhr morgens – Gedanken auf dem Weg zur Arbeitsstelle:
Als Erstes – solange ich noch in Ruhe arbeiten kann – schreibe ich heute endlich das dicke Banddiktat, das mir schon seit Tagen im Nacken hängt. Anschließend wartet noch die Eingangsmappe mit der Post von gestern, die ich wegen der langen Sitzung nicht beifügen konnte. Dann liegt da ja noch diese Rechtskraftbescheinigung, bei der ich Hilfe brauche, damit ich mir nicht den ganzen Tag damit um die Ohren schlagen muss. Ich hoffe, jemand opfert für mich ein wenig von seiner kostbaren Zeit. Hoffentlich klingelt heute nicht wieder den ganzen Tag das Telefon und hoffentlich bleibe ich heute mal von irgendwelchen dringenden Eilt-Sachen verschont. Zum Glück hab ich im Moment mal keine Vertretung. Wenn nicht wieder was dazwischenkommt, schaffe ich es heute vielleicht, die alten Sachen abzuarbeiten.

7.20 Uhr auf dem Parkplatz: Kein Licht im Zimmer neben meinem
Mein Magen zieht sich zusammen. Hoffentlich ist meine Kollegin nicht krank geworden. Die ist doch sonst immer so früh da. Das fehlte mir noch. Wie soll ich das wieder schaffen?

7.25 Uhr im Büro: Keine Spur von der Kollegin
Vielleicht geht sie heute Morgen ja erst noch schnell was einkaufen und kommt ausnahmsweise später. Den Computer hochfahren und loslegen, solange noch Ruhe herrscht. Was dauert das denn schon wieder so lang? Neues Update? Was ist denn jetzt schon wieder geändert. Im Zweifel geht erst mal wieder nichts mehr. Da fang ich lieber schon mal mit der alten Post an.“

8.00 Uhr: Konnte die Hälfte der Eingänge noch nicht beifügen und schon klingelt das Telefon
Die Geschäftsleiterin: Ich spüre, wie mir das Blut den Kopf hochsteigt und meine Wangen anfangen zu glühen. Was erwartet mich jetzt? Hab ich irgendwas falsch gemacht? Muss ich wieder für irgendeine Sit- zung einspringen? Vielleicht ist es ja „nur“ ein zusätzlicher Telefondienst, den ich heute übernehmen soll oder bei der Eingangskontrolle mithelfen? Aber was, wenn das die Krankmeldung meiner Kollegin ist? Hoffentlich nichts Langwieriges!

Mit großer Selbstüberwindung greife ich zum Hörer und
 die Nachricht trifft mich wie 
ein Faustschlag in die Magengegend. Ich höre nur noch Bruchstücke von dem, was die Geschäftsleiterin sagt: Krankmeldung, vorläufig zwei Wochen. Wie in Trance lege ich den Hörer wieder auf. Ich starre auf den Bildschirm und kann keinen klaren Gedanken fassen. Minuten vergehen, in denen ich versuche, mich zusammenzureißen. Es dauert fast eine halbe Stunde, bis ich mich aufraffen kann, meinen Arbeitstag neu zu planen. Was hatte die Kollegin noch gestern gesagt, was auf ihrer Abteilung besonders dringend zu erledigen ist? Hoffentlich geht da nichts schief!

9.00 Uhr: Das Band liegt noch immer unangetastet:
Für heute keine Chance mehr, auch wenn der Richter noch so drängt! Erst einmal die Lage auf der anderen Abteilung sondieren. Irgendwas werde ich bestimmt übersehen und dann muss ich dafür gradestehen. Lange halte ich das nicht mehr aus. Das Telefon klingelt seit dem Anruf der Geschäftsleiterin schon zum dritten Mal. Vollkommen gestresst gehe ich ran und höre mir die erboste Rede eines Bürgers über viel zu lange Bearbeitungszeiten und die Trägheit der Behördenmitarbeiter an. Es dauert Minuten, bis ich den Grund des Anrufs ermittelt und dem Anrufer schnellstmögliche Erledigung versprochen habe.

10.30 Uhr: Der größte Teil der Post ist beigefügt.
Die Akten türmen sich neben meinem Schreibtisch, denn die Abtragfächer sind randvoll. Es wird auch kein Wachtmeister kommen, um sie leerzuräumen. Die haben heute ja wieder Sitzungsdienst und müssen beide (der dritte ist schon seit Monaten krank) bei den Vorführungen mitwirken. Also heißt es mal wieder selber zusehen, dass ich Platz bekomme.

Meine Handgelenke schmerzen. Die Aktenfächer sind viel zu eng für die vielen Akten und schon vom Beifügen der Post habe ich Probleme. Ich suche nach einem Aktenwagen. Auf dem Weg durch den Flur sehe ich die Kollegen/-innen hinter geöffneten Türen. Niemand schaut auf die meisten arbeiten mit verbissenen Gesichtern. Ich höre leises Fluchen, weil im Zimmer am Ende vom Flur wieder was mit „forumStar“ (EDV-Fachanwendung der Justiz) nicht funktioniert. Auf dem Flur fragt mich ein Rechtspfleger, wann denn endlich die Sache XXX erledigt ist. Schon mehrfach hat ein Rechtsanwalt nachgefragt und droht mit einem Regress. Worum ging es denn da noch? Allmählich kriecht da wieder was in mein Bewusstsein: Ich hab‘ ihm schon letzte Woche versprochen, dass die Sache umgehend bearbeitet wird. Ich fühle mich schuldig aber auch völlig am Ende mit meiner Kraft! Am liebsten möchte ich heimgehen und mir die Decke über den Kopf ziehen. Was soll ich denn jetzt zuerst erledigen?

10.45 Uhr: Den Aktenwagen konnte ich nicht finden.
Glück für den mahnenden Anwalt! Heute ist er der Gewinner der „Was-wird-heute-erledigt-Lotterie“. Ich kümmere mich jetzt erst mal um die Verfügung des Rechtspflegers. Während ich mich noch um Konzentration bemühe, erinnert mich die Verwaltung per Mail an die Abgabe der bis gestern fälligen Stellungnahme. Bis jetzt bin ich nicht einmal dazu gekommen mir durchzulesen, zu was ich überhaupt Stellung nehmen soll. Die Aufforderung von vor zwei Wochen hat fünf Anlagen. Das muss weiter warten.
11.30 Uhr: Wieder auf der Suche nach dem Aktenwagen: Leider hat sich bis jetzt noch niemand seine Akten geholt. Sieht denn keiner von denen, wie sehr ich auf Unterstützung angewiesen bin?

Zumindest kann ich mir diesmal den Wagen sichern und meine Abtragfächer endlich leeren. Auch die Stapel neben meinem Schreibtisch verteile ich an die zuständigen Richter/-innen und Rechtspfleger/-innen. Gleichzeitig muss ich mir aber auch wie der Aktenberge von den Sach- bearbeitern zurückholen, sodass ich kaum Raum um mich gewonnen habe.

12.00 Uhr
Die Kollegin, mit der ich mir das Zimmer teile, packt mit einem tiefen Seufzer ihre Sachen zusammen; für sie ist es geschafft zumindest hier. Zu Hause warten Mann und Kind darauf, bekocht und versorgt zu werden, und auch die Hausarbeit tut sich nicht von allein. Ob sie dafür noch genug Energie aufbringen kann? Heute Morgen hat sie mir zwischen zwei Telefonaten kurz erzählt, dass ihr Mann ihr geraten hat, sich eine andere Stelle zu suchen, weil die Arbeit sie so fertig macht. Wird sie bald den Kolleginnen folgen, die in den letzten zwei Jahren gekündigt haben, um nicht ernsthaft krank zu werden?

Ich kehre zurück zu den Akten und sortiere: besonders dringend das heißt: Heute noch zu erledigen; eilig das heißt: Im Laufe dieser Woche erledigen; normal das heißt: Darum wird sich so schnell niemand kümmern können. Akten, in denen es nur Kleinigkeiten zu erledigen gilt oder die lediglich von einem zum anderen Sachbearbeiter wandern müssen, werden gleich bearbeitet und auf einem vierten Stapel gesammelt, um sie anschließend wieder in die Fächer zu räumen. Während ich arbeite, steckt ein Kollege den Kopf ins Zimmer und erzählt was von geplanten Umstrukturierungen innerhalb des Hauses, bei denen sich einige Mitarbeiter noch „ganz schön umgucken würden“. Was steht uns denn da wieder bevor? Das kann doch wieder nur neue Mehrarbeit bedeuten. Sollen wir noch etwas dazubekommen? Oder muss ich möglicherweise auf eine ganz andere Abteilung?

Immer wieder tauchen solche Gerüchte auf und ständig schwebe ich in der Angst, dass es nach einem Wechsel noch schlimmer kommen könnte. Das belastet mich so sehr, dass sich mein Nacken verspannt und Kopfschmerzen einsetzen.

14.00 Uhr: Mittagspause verpasst!
Ich schiebe mir schnell mein Brot in den Mund und während ich noch kaue, gehe ich in das Zimmer nebenan, um hier zu wiederholen, was ich eben auf meiner Abteilung schon erledigt habe. Ich versuche schneller zu arbeiten kenne mich hier nicht so gut aus. Wer bekommt welche Akte? Hoffentlich mache ich nicht zu viel falsch! Auch hier gibt es den „Besonders-dringend-Stapel“. Aber es ist schon jetzt abzusehen, dass ich den nicht auf bei den Abteilungen noch heute erledigen kann. Aber welche Akten sind nun am Wichtigsten? Was kann vielleicht doch bis morgen warten. Wieder gehen wertvolle Minuten verloren.

15.00 Uhr
Ich habe mich entschieden, erst einmal „meine“ dringenden Akten zu erledigen und schlage die erste auf: Terminaufhebung, sieben Zeugen umladen. Warum hat man die Gerichtsferien abgeschafft? Jetzt terminieren die Richter während der gesamten Schulferien durchgehend und natürlich kann immer irgendein Zeuge, ein Anwalt oder ein Sachverständiger nicht kommen, so dass diese unnötige Mehrarbeit anfällt. Ärger steigt in mir hoch. Wieder mal muss ich sehen, wie ich alles Notwendige in unser „ForumStar“ reinbringe. Ach ja nächste Wochen steht ja wie der eine zweitätige Schulung an 16 Stunden Arbeitszeit, die verloren gehen! Der Richter macht es sich leicht und schreibt seine Anordnung ein- fach von Hand in die Akte. Mein Ärger wächst, während ich nach jeder Eingabe ins System stumm bis neun zähle so lange braucht „forumStar“, bis es die Eingabe verarbeitet hat. Wie viel Zeit auch das jetzt wie der kostet!

16.00 Uhr: Nicht einmal meine besonders eiligen Akten konnte ich erledigen.
Frustriert und voller Ärger packe ich meine Sachen. Länger bleiben? Nein heute nicht! Ich bin total erledigt, habe sowieso schon so viele Überstunden, dass ich sie kaum in Freizeit umsetzen kann, und muss heute Abend noch eigenen Papierkram zu Hause erledigen. Wahrscheinlich wird der sowieso bis zum nächsten Wochenende oder bis zum Urlaub warten müssen.

Im Moment kann ich nur noch an die Couch zu Hause denken, auf die ich in einer halben Stunde völlig erschöpft sinken werde, auch wenn mein Partner noch so sehr enttäuscht sein wird, dass wir gar nichts mehr zusammen unternehmen.

Ich beneide meine kranke Kollegin, die jetzt für mindestens zwei Wochen den Stress hinter sich lassen wird. Ist sie wirklich so krank, dass sie nicht kommen konnte? Schließlich komme ich auch schon seit Wochen mit Rückenschmerzen zur Arbeit.

Wenn ich es mir so recht überlege: Mit meinen Schmerzen im Handgelenk, meinen Rückenproblemen, den täglich auftretenden Spannungskopfschmerzen und dem momentanen Erschöpfungszustand fühle ich mich absolut reif für ein Sanatorium. Ganz sicher würde mich jeder Arzt für mindestens eine Woche krankschreiben aber wie soll es dann auf der Arbeit weitergehen, was mit den Kollegen, die dann meine und die Arbeit der anderen kranken Kollegin noch erledigen müssen? Wie wird es aussehen, wenn ich zurückkomme? Es wird mir nichts anderes übrig bleiben, als mich auch morgen zur Arbeit zu schleppen und den aussichtlosen Kampf wieder aufzunehmen …

 

Schlussbemerkung
Arbeitsbelastungen und Stress in wachsen stetig. Betroffen sind alle Bereiche, egal ob Richter, Rechtspfleger oder der Servicebereich. Dabei gaukeln uns die Pebb§y-Zahlen für den Servicebereich vor, dass dieser sehr gut besetzt ist. Errechnet der Landesrechnungshof, dass weitere Stelleneinsparungen in vielen Bereichen vorzunehmen sind. Sehr motivierend klingen auch die Medienartikel über die Schuldenbremse. Wir im öffentlichen Dienst haben schon lange unseren Teil beigetragen und trotzdem steigt der Schuldenberg stündlich. Einen Grund hierfür hat man schon gefunden: Der kaum zu verkraftende Anstieg der Pensionslasten. Frage: Wo sind die von den Beamtinnen und Beamten erbrachten Rücklagen geblieben? Kann ein Landeshaushalt wirklich über Stelleneinsparungen, Deckelung von Gehaltserhöhungen, Herauf- setzung der Pensionsgrenze auf 67 saniert werden?

Die Freude an der Ausübung des Berufes ist bei vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern längst verloren gegangen, innerliche Kündigung an der Tagesordnung. Die Verfahren werden komplizierter, umfangreicher und die Bearbeitungszeiten lang und länger. Stetige Rückfragen der Bürger sind an der Tagesordnung und behindern die Abläufe zudem. Bei all diesem Druck unterlaufen vermehrt Fehler, weil keine Zeit zur ordnungsgemäßen Erledigung bleibt. Dreh- und Angelpunkt aller Arbeitsabläufe innerhalb der Gerichte sind die Serviceeinheiten. Wenn dort keine strukturierte Arbeit mehr geleistet werden kann, leiden auch die Arbeitsabläufe der Entscheider.

Aber wir wollen doch alle gute und effektive Arbeit leisten und setzen uns damit immer weiter unter Druck. Sollte es den Arbeitgebern nicht zu denken geben, dass inzwischen festangestellte Mitarbeiter ihren Job aufgeben? Der enorme Anstieg von seelischen Erkrankungen ist ein Alarmzeichen.

Artikelbild: © fotodesign-jegg.de – Fotolia.com

4 Gedanken zu „Erschreckendes Tagesprotokoll einer Justizbediensteten aus Rheinland-Pfalz

  1. Kommt mir doch bekannt vor. Nach 40 Dienstjahren kann ich bestätigen, dass es immer schlimmer wird. Motivation null. Wenn man davon absieht, dass an uns immer gespart wird, erfährt man noch nicht mal Anerkennung bei einem 40jährigen Dienstjubiläum zumindest die Beamten.
    Wenn man nicht einen besonders guten Kollegen hätte, den man nicht belasten will, wäre die Krankschreibung doch immer eine Option, weil aufgrund der Situation, Frust, Stress, hohe Arbeitsbelastung, immer weniger Verständnis jeder irgendwann krank wird.
    Blutdruck, Kreislaufbeschwerden, Kopfschmerzen sind die Folge.
    Vielleicht merkt´s mal jemand bevor es zu spät ist.

  2. Liebe Frau Merke, lieber Herr Schwarz,

    vielen Dank für die Kommentare.

    Wie wir feststellen konnten, hat dieser Artikel genau den Nerv getroffen … und sie haben das mit ihren Kommentaren bestätigt.

    Für uns ist das Grund genug, dieses Thema in nächster Zeit noch intensiver zu diskutieren …

  3. Tja, ich würde so gern wieder in die Justiz einsteigen und meinen Job zurückhaben, aber komischerweise werden kaum JuFaAng gesucht, obwohl auf den Geschäftsstellen der Baum brennt. Ich verstehe nicht, warum kaum Stellenanzeigen der Justiz zu finden sind, obwohl dort echt Notstand herrscht…. 🙁

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